Ich finde, es gibt zu wenige Replikate in der Kunst. Jede*r will etwas neu machen – der oder die erst*e sein.
Dabei kann mir keine*r erzählen, dass er/sie immer das Rad neu erfunden hat.
Ich finde, es gibt zu wenige Replikate in der Kunst. Jede*r will etwas neu machen – der oder die erst*e sein.
Dabei kann mir keine*r erzählen, dass er/sie immer das Rad neu erfunden hat.
Meine Erfahrung sagt mir, dass Menschen über Imitation lernen. Man macht nach. Menschen beobachteten Vögel, die mit ihren Flügeln flatterten, erkannten, dass man wohl eine Spannweite zum Fliegen braucht und dementsprechend haben sie Flugzeuge gebaut.
Warum sollte das in der Kunst oder Literatur anders sein?
Ein*e Künstler*in, eine Literat*in beginnt sich für die Materie zu begeistern, in dem sie erst das sieht, oder liest, was sie ergreift, dann entsteht die kreative Unruhe und man beginnt zu malen, bildhauen, fotografieren und/oder zu schreiben. Es dauert dann eine Weile, bis man sich vom Vorbild löst und etwas eigenes entwickelt. Was spricht dagegen, ein Kunstwerk eins zu eins nachzubauen oder noch interessanter: zu verfremden?
Musiker*innen pflegen schon lange diese Tradition. Nichts anderes ist eine Coverversion eines Songs. Gerade auf Konzerten entsteht an dieser Stelle ein erhebender Moment. Der/die Künstler*in kniet musikalisch vor seinem/ihren Vorbild ihrer/seiner Inspiration und interpretiert das Stück neu. Einer meiner Favoriten ist der Song „Love Will Tear Us Apart“ von Joy Divison, interpretiert von den Swans. Mir gefällt diese Version (ehrlich gesagt) noch besser, als das Original.
In diesem Moment entsteht eine Hommage. Und da ich überzeugter Fan von vielem bin, freue ich mich auch, wenn ich so etwas in der Kunst entdecke.
Hier kommt DOROTHEE GOLZ ins Spiel, die MERET OPPENHEIMs legendäre Felltasse mittels Glasfaser neu interpretiert hat.
Meret Oppenheim griff für ihre Werke Alltagssituationen auf, wie z. B. im Werk „Frühstück im Pelz“, bei dem sie den kalt gewordenen Kaffee zum Sujet gemacht hat. Das Werk wurde zu einem der Leitwerke des Surrealismus. Déjeuner en fourrure („Frühstück im Pelz“). 1936, Museum of Modern Art, New York.
Auf diesem Foto seht ihr ein Replikat des Werkes, das mir geschenkt wurde.
DIESE TASSE IST EINE TASSE, KEINE TASSE
Schon der Titel ist eine Hommage: „Ceci n’est pas une pipe“ – „Das ist keine Pfeife“ nach einem Werk von Renée Magritte aus dem Jahr 1929. Auch ein Surrealist.
Dorothee Golz hat mit ihrer Hommage ein tolles eigenes Werk geschaffen.
Ich bin mir sicher: Meret Oppenheim würde das freuen!
Info (frei nach Wikipedia) Dorothee Golz *1960 ist eine deutsch-österreiche Künstlerin. Internationale Bekanntheit erreichte Golz 1997 durch die Teilnahme an der documenta X in Kassel, auf der sie die Skulptur Hohlwelt (1996) zeigte. Neben Skulpturen und Kleinplastiken sind Fotografie und Zeichnung ihre wichtigsten Ausdrucksmedien
Meret Oppenheim *1913 – 1985 war eine in Deutschland geborene schweizerische Künstlerin und Lyrikerin. Oppenheim hat die Rolle der Frau als Muse ebenso reflektiert wie das Weibliche im Werk von männlichen Kunstschaffenden.
In einem Gespräch von 1972 äusserte Oppenheim die Devise „Don’t cry, work“. Der deutsche Schriftsteller Rainald Goetz verwendete das Zitat 1983 als Untertitel seines Romandebüts Irre, was es zum geflügelten Wort werden liess.
Umso mehr, wünschen sich die meisten Autor*innen, dass ihr Text sichtbar – greifbar wird. Das zu vollziehen ist schwieriger, als zumindest ich es mir gedacht habe.
Bücher und Texte zu schreiben ist eine einsame Sache. Selbst wenn es eine Kollaboration gibt, so sind oft Stunden darin investiert, alleine am Schreibtisch zu sitzen und das, was durch den Kopf und das Herz geht, in die Tastatur zu hacken. Das ist nicht weiter schlimm. Ich kann es auch genießen. Viele Jobs werden so vollzogen.
Umso mehr, wünschen sich die meisten Autor*innen, dass ihr Text sichtbar – greifbar wird. Das zu vollziehen ist schwieriger, als zumindest ich es mir gedacht habe.
Wenn jemand malt, können alle, die über gesunde Augen verfügen, das Bild sehen. Man hat ein Ergebnis. Ein Musikstück zu komponieren, führt dazu, dass man es anhören kann.
Beim Schreiben, verlangt man dem anderen viel Aufmerksamkeit ab, um das Ergebnis auf sich wirken zu lassen. Lesen erscheint mir mehr Arbeit für den Rezipienten zu sein, als bloßes Schauen oder Zuhören.
Und doch wird für die meisten Schreibenden ihre Arbeit erst dann wirklich, wenn es ein gedrucktes Buch gibt. Oder bei einer Lesung der Text hörbar wird.
Als Autorin denke ich oft darüber nach, wie es den Zuhörenden geht, wenn ich vor ihnen lese. Denn auch ich, als Publikum in einer Lesung, merke hin und wieder, dass meine Aufmerksamkeit flöten geht. Das kann man dem Publikum nicht verdenken. Aus diesem Grund sind unter anderem Poetry Slamsentstanden.
Aber das kann ja nicht das einzige Format sein, hat sich Kathrin Assauer vielleicht gedacht. Kathrin hat mit anderen den Kunst-Off-Space: GEH8 in Dresden initiiert und ermöglicht dort Künstler*innen unterschiedlicher Disziplinen ihrer Kreativität nachzugehen und diese zu präsentieren.
Für das Jahr 2023 entwickelte sie das Dreiteilige Projekt:
*TOPIE – Space is the Case – Publikation – Performance – Ausstellung
Vierzehn Autor*innen aus ganz Deutschland und aus dem Iran verfassten Texte in Form von Kurzgeschichten, Gedichten, Traktaten und Auszügen aus Romanen, die für die Anthologie bearbeitet und erweitert wurden.
Daraus ist ein großartiges Buch entstanden
…mit Zeichnungen von André Tempel, der auch das Bühnenbild für – und hier kommt die zweite Säule des Projekts – die Performance gestaltete.
Zudem schrieb Kathrin Assauer aus all den Texten ein Libretto und entwickelte mit den Komponisten Alberto Arroyo und Samir TimajChi eine Komposition.
Dirigiert und einstudiert von Olaf Katzer, werden Passagen des Librettos überlagernd gesungen und gesprochen. So wachsen die Texte ineinander und werden eins, unterbrochen durch die kurzen „konventionellen Lesungen“ der einzelnen Autor/-innen.
Kathrin Assauer
Wir haben mit dem Ensemble Auditiv Vokal Dresden und dem Komponisten/Dirigenten Alberto Arroyo geprobt
Uns über das Buch gefreut
Und auf diesen Abend hingearbeitet…
Die Autorin, Intitatorin, Librettoschreiberin, Buchgestalterin und Kuratorin: Kathrin Assauer applaudiert und Mitglieder des Ensembles Auditiv Vokal Dresden geben den Texten ihre Stimme vor dem Bühnenbild von André Tempel.
Auf jeden Fall haben wir am 22. September 2023 vierzehn unterschiedliche Texte für Ohren, Herz, Hirn und Bauch hör-, sicht- und fühlbar gemacht.
Alles vibrierte…
Dieses dreiteilige Format, insbesondere die performative Lesung, soll als Format etabliert und weitergeführt werden.
…schreibt Kathrin Assauer als RE-SONANZ zum Ende des Buches *TOPIE.
Das wäre auch mein Wunsch. Mehr Möglichkeiten zu erforschen, um Texten eine Bühne zu geben.
…also mache ich mich auf den Weg zu meinem einsamen Schreibtisch, um neue Texte zu entwickeln, die ihren Weg nach außen suchen…
Vielen Dank, liebe Kathrin Assauer, für die Einladung Teil deines Projektes zu sein!
Und Merci Dorothee Schröder, Martina Lenz, Grisella Kreiterling, Marc Matthies, Astrid Stähler, Anja Schwennsen und Ruth G. Gross für die Fotos und, dass wir „Schreibbuddies“ sind.
Terima Kasih, lieber Tim Tobeler, für die Fotos… (as always…)
Die in England lebende Künstlerin, Brigitte Mierau, schafft in Wort und Bild auf Stoffen eine Bühne für den Blick auf das Zeitgeschehen im aktuellen Kontext. Sie hinterlässt persönliche Kommentare und gibt augenzwinkernd sozialem Ungehorsam ein Forum, um die Diversität im gesellschaftlichen Gefüge zu erforschen und einen Raum für Diskussionen zu öffnen.
Erstmalig präsentierte Brigitte Mierau ihren Brexit Tapestry in der London Camberwell Space Gallery.
22 handgestickte A3 Seiten, die, wenn man sie nebeneinander legen würde, 645 x 42 cm messen. Dies entspricht der Länge des Bayeux Tapestry . Frankreich will ebendiesen Wandteppich als Leihgabe nach England schicken, (Der Wandteppich von Bayeux soll verreisen) aber ein fester Platz wurde für ihn im Vereinigten Königreich noch nicht gefunden.
Der offizielle Titel des Brexit Tapestry lautet: „Preliminary Notes to Self for the Making of The Brexit Tapestry„
Die 22 Seiten berichten von den Anfängen des Brexit vor dem Referendum in den 60er Jahren, bis zu den ersten politischen Verhandlungen zur Umsetzung im Dezember 2017 und gibt das persönliche Erleben dieses Prozesses der Künstlerin als Deutsche, die fast ihr ganzes Leben in England verbracht hat, wieder.
2018 durfte ich den Brexit Tapestry in meiner damaligen Galerie in Brandenburg ausstellen. Er kehrte zurück zu Brigitte Mierau und fand auch die Aufmerksamkeit des British Museum.
Mittlerweile bin ich zu einer reisenden Kuratorin geworden. Und als diese durfte ich Brigitte Mieraus beeindruckendes Werk wieder nach Deutschland überführen.
Im September 2023 wurde der Brexit Tapestry im Rahmen des Projekts *topie in dem Kunstzentrum GEH8 in Dresden, gemeinsam mit der Installation des Künstlers André Tempel und der iranischen Kalligrafin, Grafikerin und Fotografin Mascha Momayezi, präsentiert.
Die Ausstellung wurde flankierend zur performativen Lesung in Begleitung des Ensembles Auditiv Vokal Dresden und den Lesenden, eröffnet.
Alles unter dem Motto *topie. 14 Autor*innen unter anderem aus dem Iran, Namen wie Marcel Beyer, FriedrichHausen und Michael Duszat sind dabei, haben den Schreibimpuls „*topie“ zum Anlass genommen, um Texte aller Art zu verfassen. Das daraus entstandene Buch, ist im GEH8 Verlag veröffentlicht worden.
(Auch ich habe geschrieben und habe mit den anderen Autor*innen performed).
Die GEH8 ist ein Kunst- und Kulturzentrum in Dresden, in dem schon das ganze Jahr über das Thema „Space is the Case“ erforscht wurde. Das *topie-Projekt wurde von der großartigen Kulturmanagerin, Kuratorin und Autorin Kathrin Assauer ins Leben gerufen.
Wer immer Interesse an dem Brexit Tapestry haben möge, darf sich gerne bei mir melden.
Ich mag genau diese Unberechenbarkeit und diese Anarchie, die in uns Frauen steckt. Mit meiner Arbeit möchte ich dem Weiblichen mehr Sichtbarkeit verschaffen und Freude und Stolz an der eigenen Sinnlichkeit vermitteln.
Oh lá lá, die funky-Jugendreporterin Sophie Bley hat ein Interview mit mir über den Female Gaze geführt…
Lest gleich hier, was ich auf die klugen Fragen der funky-Jugendreporterin Sophie Bley antworte
(c) Silke Tobeler
Silke Tobeler ist Autorin und wirft in ihrem Blog „Female Gaze“ einen weiblichen Blick auf Kunst, Literatur, Film und Ausstellungen. Inspiriert durch die weibliche Wahrnehmung von Ästhetik und auf der Suche nach revolutionärer Kunst, lädt sie zum Dialog ein. Welche Bedeutung hat der „Female Gaze“ in politischen und sozialen Zusammenhängen? Möchte dieser Blick den Spieß lediglich umdrehen und Männer objektifizieren? Über diese Fragen spricht die Autorin im Interview.
(Vorstellung: Sophie Bley
Fragen: Sophie Bley
Antworten: Silke Tobeler)
Liebe Silke, der Begriff „Female Gaze“ wird unterschiedlich interpretiert. Was bedeutet er für dich und welche Rolle spielt er in deiner Arbeit als Autorin und Kunstfreundin?
Für mich ist der „Female Gaze“ eine Haltung. Es geht darum, dass unsere Welt so gut wie immer aus der Perspektive der Männer dargestellt wird. Mein Anliegen ist es, das Ganze zu erweitern, um dem weiblichen Blick eine höhere Relevanz in unserer Gesellschaft zu schenken. An vielen Punkten leben wir bereits in einer gleichberechtigten Gesellschaft, aber sie ist aus dem gemacht, was Männer lange vorgegeben haben. Mir ist klargeworden, dass Frauen in der Kunst durchaus ein beliebtes Motiv sind, sie selbst aber selten die Schaffenden sind. Der Begriff „Female Gaze“ ist für mich eine Art Überschrift meiner eigenen Arbeit als Autorin und Bloggerin, mit der ich auf die weibliche Position und den weiblichen Blick aufmerksam machen möchte.
Was hat dich dazu inspiriert, deinen Blog „Female Gaze“ ins Leben zu rufen?
Mich hat schon immer interessiert, wie Künstlerinnen und Künstler arbeiten und wie Kunst entsteht. Die Idee hinter dem Blog war, dem Ganzen eine Bühne zu geben. Ich war zwar schon immer Feministin, aber lange auch der Auffassung, dass wir bereits in einer relativ gleichberechtigten Welt leben. Erst als ich Kinder bekommen habe und mein Leben plötzlich wirkte, als wäre ich in die 50er-Jahre zurückversetzt worden, veränderte sich mein Blick. Gebunden an die Erziehung meiner Kinder und den Haushalt wurde mir klar, dass die Welt zwar durch unsere Gesetzeslage emanzipiert wirkt, die Umsetzung von Gleichberechtigung jedoch noch nicht so weit ist, wie ich dachte. Diese Feststellung hat mich motiviert, mich in meinem Blog für Emanzipation stark zu machen. Der Ted Talk von Joey Soloway „The Female Gaze“ hat mich inspiriert, meinen Blog auch so zu nennen.
Mit meiner Arbeit möchte ich dem Weiblichen mehr Sichtbarkeit verschaffen und Freude und Stolz an der eigenen Sinnlichkeit vermitteln.
Du sagst von dir selbst, dass du mit einem weiblichen Blick auf Kunst, Kultur, Literatur, Medien und Unternehmen aller Art schaust. Was begeistert dich an der weiblichen Perspektive?
Ich habe mich lange gefragt, wie überhaupt ein Patriarchat entstehen kann, das die Hälfte der Menschheit ausschließt. Eine Theorie, auf die ich öfter gestoßen bin, ist, dass die Fähigkeit der Frauen, Leben zu schenken, bei den Menschen Angst auslöst, die das nicht tun können. Angst hat häufig dominantes und kontrollierendes Verhalten zur Folge, sodass Frauen den Stempel aufgedrückt bekommen haben, sie seien unberechenbar und anarchisch. Ich mag genau diese Unberechenbarkeit und diese Anarchie, die in uns Frauen steckt. Mit meiner Arbeit möchte ich dem Weiblichen mehr Sichtbarkeit verschaffen und Freude und Stolz an der eigenen Sinnlichkeit vermitteln. Mein Ziel ist es auch, zu untersuchen, was es braucht, um sich aus den zerstörerischen Elementen unserer Gesellschaft zu lösen, die auf Ausbeutung, Ausgrenzung, Profit und Gier ausgerichtet ist. Denn Frauen hatten in der Geschichte kaum Möglichkeiten dazu.
Wie wir die Gesellschaft sehen, hat viel mit Bildern zu tun, die uns im Alltag begegnen. Warum ist der weibliche Blick in diesem Zusammenhang wichtig?
Frauen verfügen erst seit rund hundert Jahren über grundlegende Rechte, wie beispielsweise wählen oder studieren zu können. In der Kunstbranche mussten sich Frauen zwischen einem Leben als Künstlerin oder Mutter entscheiden. Der „Female Gaze“ möchte aus dieser Norm ausbrechen und Lebensgestaltungen aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Außerdem hat der „Female Gaze“ Relevanz in Bereichen der Städteplanung, Sicherheitsvorkehrungen oder Gesundheit. Medikamente sind in ihrer Dosis in der Regel auf Männer ausgerichtet und Anschnallgurte in Autos sind für einen typisch männlichen Körperbau konzipiert. Der „Female Gaze“ kann hier neue Lösungsansätze finden und die Bedürfnisse aller Menschen genderkonform in gesellschaftliche Entscheidungen und Lebensgestaltungen miteinbeziehen.
Welche Kritik übst du an dem „Male Gaze“?
Ich kritisiere ganz klar die Arroganz und die Egozentrik des „Male Gaze“. Es gibt so viele verschiedene Menschen auf dieser Welt mit einzigartigen Lebensgeschichten, denen der „Male Gaze“ eine einzige Perspektive aufdrückt. Letztendlich spielt hier vor allem der Kapitalismus eine Rolle, an den das Patriarchat eng gekoppelt ist. Denn Männer fürchten in diesem Zusammenhang Macht und Möglichkeiten zu verlieren. Der weibliche Blick möchte jedoch niemanden in seinen oder ihren Rechten einschränken, sondern gemeinsam an Lösungen arbeiten, wie alle Menschen gleichberechtigt leben können – und dazu gehören natürlich auch Männer.
Diversität nimmt in der Kunst immer mehr Platz ein.
Der Ansatz des „Female Gaze“ ist es also, das Dogma „Male Gaze“ zu sprengen und in der Gesellschaft mehr Diversität zu zeigen. Siehst du in der Kunst, in den Medien und in unserer gesellschaftlichen Auffassung von Ästhetik positive Entwicklungen in diese Richtung?
Diversität nimmt in der Kunst immer mehr Platz ein. In Museen und Ausstellungen sind zunehmend Kunstwerke weiblicher Künstlerinnen zu finden, queere Personen oder Menschen mit Migrationshintergrund sind für Film- und Kunstpreisverleihungen nominiert und Diversität rückt immer mehr in den Fokus. Darüber hinaus hat sich die Sprache rund um dieses Thema weiterentwickelt. Es wird differenzierter über die weibliche Sexualität oder Menstruation gesprochen, Probleme wie die Gender-Pay-Gap oder Care-Arbeit werden benannt und kritisiert. Auf diese positiven Veränderungen müssen allerdings auch Taten folgen.
Kann der „Female Gaze“ in Kunst und Medien auch von Männern eingenommen werden?
Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen vom „Female Gaze“ profitieren können – auch Männer. Dem Anliegen, das Dogma des „Male Gaze“ zu erweitern, kann jeder Mensch nachgehen. Jeder Schritt in diese Richtung ist eine Bereicherung und jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, von der Sexualität oder der Herkunft, kann sich dafür stark machen.
Welche Bedeutung hat der „Female Gaze“ deiner Meinung nach für junge Generationen?
Um die Bedeutung des „Female Gaze“ zu verstehen, ist es hilfreich, sich mit der dritten Welle der Frauenbewegung auseinanderzusetzten. Diese ist im Gegensatz zu früheren Frauenbewegungen deutlich offener und setzt sich für mehr Selbstbestimmung und Diversität ein. Feminismus kann unterschiedlich interpretiert werden. Der „Female Gaze“ möchte jedoch betonen, dass Menschen nicht vorgeschrieben werden sollte, wie sie auszusehen haben oder wie sie ihre Sexualität ausleben sollten. Ich möchte jungen Menschen mitgeben, dass sie wachsam bleiben und weiterhin für ihre Rechte kämpfen, denn diese sind immer noch keine Selbstverständlichkeit.
Hast du als Expertin für unsere Leserinnen und Leser Empfehlungen aus Kunst, Literatur oder Film, die eine weibliche Perspektive einnehmen, bzw. den Female Gaze widerspiegeln?
Hier ein paar Empfehlungen für die Leserinnen und Leser, die am weiblichen Blick in Kunst, Film und Medien interessiert sind:
„Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist: Ein Sachbuch über die Vulva. In diesem Buch geht es von Frauen in der Bibel über Freud und unbeholfenen Biologieunterricht bis hin zu aktuellen Tamponwerbungen.
„Transparent“ von Joey Soloway: Eine Serie, die die großen Fragen der Identitäten Mann, Frau und Divers im Familienkontext abbildet.
„Sex Education“ auf Netflix: Eine Serie, die den „Female Gaze“ aus vielen Perspektiven von Teenagern, Müttern, Vätern, Männern, Frauen und queeren Personen darstellt.
Die Künstlerin Frida Kahlo: Sie war eine der ersten Künstlerinnen und Künstler, die ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Leid in den Vordergrund ihrer Kunst gestellt hat.
Die Künstlerin Meret Oppenheim: Eine Schweizer Künstlerin, die in ihrer Kunst viel mit Geschlechterrollen gespielt hat.
Die Arte-Dokureihe „Naked“: Hier geht es um unterschiedliche patriarchale Verhältnisse in der Kunst und in Gesellschaften verschiedener Länder.